Walddialog 2026: Biodiversität als Schlüssel zu widerstandsfähigen Wäldern 

von Gesche Schifferdecker (EFI)

Wie kann die Biodiversität die Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit von Wäldern erhöhen, die auch zur Holzproduktion bewirtschaftet werden? WaldDialog – Walddialog – Dialog Forestier 2026Diese Frage brachte Forstwissenschaftler, Praktiker, politische Entscheidungsträger, Waldbesitzer, Kommunikationsfachleute und Verwaltungsangestellte aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und anderen Ländern zusammen. Am 10. September 2026 trafen wir uns alle an der Universität Basel, um zu erörtern, was dies für die Wälder angesichts zunehmend unsicherer Bedingungen bedeutet.

Die Veranstaltung, die vom TriNational ForestLab, SwissForestLab, der Konferenz der Kantonalen Forstwirte (KOK) und dem Schweizer Bundesamt für Umwelt (BAFU) organisiert wurde, schuf einen Raum für etwas, das unsere Wälder – und auch wir – zunehmend brauchen: den Dialog über Disziplinen, Institutionen und Grenzen hinweg.

Ich hatte das Gefühl, dass die Dringlichkeit dieser Frage von Anfang an spürbar war. Arthur Gessler (WSL/ETH) betonte, dass 2026 einen Wendepunkt darstellt. Extreme Hitze und Dürre sind in den Wäldern zunehmend sichtbar, wobei Bäume wie die Buche bereits früh in der Vegetationsperiode starke Stresssymptome zeigen. In der gesamten Region Basel deuten die Beobachtungen darauf hin, dass die Niederschläge in fast jedem Monat zurückgegangen sind, wodurch die Wälder erheblich unter Druck geraten, hob Gessler hervor.

Ein starkes Argument für Vielfalt

Ein wiederkehrendes Thema der Präsentationen war, dass artenreiche Wälder besser gerüstet sind, um mit Klimawandel und Unsicherheit umzugehen. Die präsentierten Forschungsergebnisse stammen von Hervé Jactel Untersuchungen des INRAE ​​haben gezeigt, dass Mischwälder im Vergleich zu Monokulturen widerstandsfähiger gegenüber Dürre, Feuer und Wind sind. Sie können auch produktiver sein: Mischungen aus Nadel- und Laubbäumen profitieren von sich ergänzenden Eigenschaften wie unterschiedlichen Wurzeltiefen und Wassernutzungsmustern. Allerdings ist eine spezifische Mischung aus Laub- und Nadelbäumen sowohl für die Widerstandsfähigkeit als auch für die Produktivität des Waldes erforderlich, und diese Mischung muss noch identifiziert werden. Dennoch sind die Ergebnisse vielversprechend und unterstreichen das Potenzial der Artenvielfalt zur Stärkung der Wälder im Kontext des Klimawandels.

Diversität bedeutet jedoch mehr als nur das Anpflanzen verschiedener Baumarten. Die genetische Vielfalt innerhalb einer Art kann die Grundlage für die Anpassung an veränderte Bedingungen bilden, denn Jörg Kleinschmit (FVA) hervorgehoben. Die Wahl der Baumarten – und gegebenenfalls der Einsatz von assistierter Migration – muss daher in Verbindung mit den den Wäldern zur Verfügung stehenden genetischen Ressourcen betrachtet werden.

Gleichzeitig darf der Schutz der biologischen Vielfalt nicht auf die Baumartenvielfalt reduziert werden. Frank Krumm und Martin Gossner (Beide WSL) hoben die Bedeutung von Habitatbäumen, Mikrohabitaten und Totholz hervor. Mikrohabitate sind kleine, spezialisierte Strukturen wie Baumhöhlen, Spalten, lose Rinde oder abgestorbene Äste, die vielen Arten Nahrung, Schutz oder Brutplätze bieten. Viele dieser wertvollen Strukturen finden sich im Totholz oder entwickeln sich daraus, wodurch es ein wichtiger Bestandteil der Biodiversität des Waldes ist. Rund ein Viertel der Waldarten ist eng damit verbunden, während viele weitere davon profitieren. Natürliche Waldreservate bleiben daher ein wesentlicher Bestandteil des Biodiversitätsschutzes, insbesondere für Arten, die auf spezialisierte Totholzstrukturen angewiesen sind, betonte Gossner.

Potenzial der Biodiversität in bewirtschafteten Wäldern

Doch auch bewirtschaftete Wälder bieten Chancen, und diese Veranstaltung hatte vor allem zum Ziel, diese zu erkunden. Anstatt Biodiversitätsschutz und Forstwirtschaft als getrennte Bereiche zu betrachten, können Forstwirte aktiv Mikrohabitate schaffen und durch natürliche Störungen entstandene Strukturen nutzen. Hier gewinnt das Konzept der naturnahen Forstwirtschaft besondere Bedeutung: mit natürlichen Prozessen arbeiten, anstatt gegen sie, und dabei die Multifunktionalität der Wälder erhalten.

Die am Nachmittag vorgestellten Praxisbeispiele zeigten, dass diese Ideen bereits umgesetzt werden. Zu den Fallstudien aus der Schweiz gehörte auch eine Präsentation unseres Living-Lab-Partners. Amt für Wald beider Basel, SchweizDie Koordinatorin des Living Lab, Ueli Meier, präsentierte Beispiele aus Baden-Württemberg (Deutschland) und dem Elsass (Frankreich), die zeigen, wie natürliche Verjüngung, Artenvielfalt, Habitatbäume und der Erhalt überlebender Bäume nach Störungen die Waldzusammensetzung schrittweise verändern können. In der Baden AG beispielsweise stieg der Anteil an Laubbäumen innerhalb von 25 Jahren deutlich an, was durch einen starken Fokus auf natürliche Verjüngung begünstigt wurde.

Die Diskussionen machten deutlich, dass es keine einfachen oder allgemeingültigen Lösungen gibt. Zunehmendes Totholz kann die Sicherheit von Waldarbeitern gefährden. Der Wechsel der Baumarten kann wirtschaftliche und ökologische Unsicherheiten mit sich bringen. Dauerwald bietet zwar strukturelle und Artenvielfalt, wirft aber auch Fragen hinsichtlich wirtschaftlicher Risiken und gesellschaftlicher Akzeptanz auf. Und die lokalen Gegebenheiten spielen eine entscheidende Rolle.

Von lokalen Gegebenheiten zu europäischen Ansätzen

Genau deshalb war diese grenzüberschreitende Dimension des Walddialogs so wertvoll. Dürre, Hitze, Schädlinge, der Verlust der Artenvielfalt und sich wandelnde gesellschaftliche Erwartungen machen nicht an Landesgrenzen halt. Wälder werden zwar lokal bewirtschaftet, doch die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, sind europaweit.

Die Ausrichtung der europäischen Politik spiegelt diese Realität wider. Die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 und das Naturschutzgesetz legen zunehmend Wert auf die Wiederherstellung von Ökosystemen, die Verbesserung der Biodiversität und die Stärkung der Resilienz. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Europa ein einheitliches Forstwirtschaftsmodell benötigt. Vielmehr müssen die europäischen Ziele in Ansätze umgesetzt werden, die unter verschiedenen ökologischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen funktionieren.


FORWARDS-Präsentation von Barbara Mihok
FORWARDS-Präsentation von Barbara Mihok

Für mich war eine der wichtigsten Botschaften des Walddialogs daher die Bedeutung des Wissenstransfers als dreiseitiger Prozess. Die Wissenschaft muss die Praxis informieren, aber Forscher müssen auch von den Erfahrungen derjenigen lernen, die täglich in Wäldern arbeiten. Die Rolle der politischen Entscheidungsträger besteht darin, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis zu bilden: Erkenntnisse und praktische Erfahrungen in wirksame Politik umzusetzen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Realitäten und Lehren aus der Praxis in die Politikentwicklung einfließen. Auf diese Weise kann Politik nicht nur ein Endpunkt des Wissens werden, sondern eine Brücke, die Forschung, Praxis und Entscheidungsfindung verbindet. Projekte wie TRANSFORMIT und VORWÄRTS sowie eine etablierte Zusammenarbeit wie die Europäisches Netzwerk integrieren (Alle dort von meinen Kollegen und mir in Sitzungen, Posterpräsentationen und Vorträgen vorgestellten Beiträge) veranschaulichen verschiedene Wege der Verknüpfung von Forschung, Politik und Praxis. TRANSFORMIT beispielsweise bringt diese Akteure durch Living Labs, die Einbindung von Interessengruppen und die Entwicklung praxisorientierter, evidenzbasierter Leitlinien für ein integratives Forstmanagement zusammen. FORWARDS verbindet wissenschaftliches Monitoring, Modellierung und Daten mit den Bedürfnissen von Forstmanagern und politischen Entscheidungsträgern. Das ForestWard Observatory unterstützt dabei Entscheidungen zur Klimaresilienz und Waldanpassung. Das europäische Netzwerk Integrate bildet eine langfristige Schnittstelle zwischen diesen drei Bereichen und kombiniert wissenschaftliche Erkenntnisse mit Demonstrationsflächen, praktischen Erfahrungen und dem länderübergreifenden Politikaustausch.

Das Waldwissensportal Das Gateway bietet eine praktische Plattform, um diese unterschiedlichen Wissensbereiche zusammenzuführen. Es erleichtert das Auffinden und den Zugriff auf wissenschaftliche Erkenntnisse, praktische Erfahrungen, Werkzeuge und andere Ressourcen und unterstützt Nutzer dabei, relevantes Wissen für die Herausforderungen in ihren Wäldern zu finden. So trägt das Gateway dazu bei, die Kluft zwischen Wissensproduktion und Wissensanwendung zu überbrücken.

Was für ein schönes, robustes Waldspiel, entwickelt und präsentiert von Ting Tang
Was für ein schönes, robustes Waldspiel, entwickelt und präsentiert von Ting Tang (ETH Zürich)

Letztlich wird Wissen nur dann wertvoll, wenn es jemandem hilft, im Wald eine bessere Entscheidung zu treffen – deshalb haben mir auch die Präsentationen von Forstpraktikern sehr gefallen, die mitteilten, welche Antworten sie aus der Forschung benötigen, und so den Austausch fruchtbarer gestalteten.

Das machte den Walddialog 2026 besonders ermutigend. Trotz unterschiedlicher Perspektiven und einiger kleinerer Kontroversen herrschte Einigkeit darüber, dass Biodiversität, Klimaanpassung und Waldmanagement gemeinsam betrachtet werden müssen. Unterschiedliche Sichtweisen in den Dialog einzubringen ist unerlässlich, um die Herausforderungen von allen Seiten zu verstehen, praktikable Lösungen zu finden und das nötige Vertrauen für deren Umsetzung aufzubauen. Dialog und eine sinnvolle Einbindung der Interessengruppen sind daher nicht nur ein Mittel zum Wissensaustausch – sie sind Teil des Prozesses, einen Weg zu widerstandsfähigen Wäldern zu finden.